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| ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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3. Der Aufbau des MärchensDer Text ist in zwölf Vigilien (lat. Nachtwachen) aufgeteilt,
was sehr einleuchtend ist, da der Autor erklärt, daß er den Text
nachts schreibt. Diese zwölf Kapitel umfassen vier verschiedene
Ebenen:
3.1 Die bürgerliche WeltDie bürgerliche Welt ist die der Paulmanns, Heerbrands und des
realen Dresdens mit dem Schwarzen Tor, der Elbe, dem Linkischen
Bade, der Schloßgasse, dem Pirnaer Tor und der Kreuzkirche. Sie
besteht aus zwei Komponenten.
Auf der einen Seite befindet sich die behäbige Idylle mit
Feuerwerken, Punschabenden und Doppelbier im Linkischen Bade, auf
der anderen aber die Seite der erschreckenden formalistischen
Pünktlichkeit, der Wichtigkeit von Titeln, dem materiellen Denken,
der spießigen Enge.
Während Anselmus anfangs noch von dem Paradies im bürgerlichen
Milieu bei Sanitätsknaster, Bier und jungen Mädchen träumt, bemerkt
er doch, daß er in dieser Welt nicht Zuhause ist. Alle vermeintliche
Weitläufigkeit fehlt ihm, so daß er in seiner Ungeschicklichkeit den
Zugang in diese Idylle nicht findet.
Die andere Seite der bürgerlichen Welt, die von materiellen und
bildungsmäßigem Besitzstand gekennzeichnet ist, scheint ihm ebenso
verschlossen, denn bereits der bescheidenste Eintrittsversuch, als
er sich um eine Stelle bewerben möchte, scheitert an einem
abgebissenen Zöpfchen seiner Perücke.
Beide Seiten sind eng miteinander verbunden. Solange nämlich der Protagonist
Anselmus gegen die Regeln der bürgerlichen Konventionen verstößt, wird er von
seinen Freunden abgelehnt. Erst als er mit wachsender Gewandtheit Aussichten
auf einen Titel erlaubt, gewinnt ihn der Konrektor "wieder lieb"
3.2 Die phantastische WeltDie phantastische Welt, die wie ein Spiegelbild des
bürgerlichen Lebens erscheint, beruht allerdings auf anderen Werten.
Auch wenn der Archivarius Lindhorst Anselmus mit einem Speziesthaler
belohnt verliert diese materielle Entlohnung für Anselmus an
Bedeutung. Dagegen ist er fasziniert von den Farben, Düften und
Klängen in Lindhorsts Garten, die sein ganzes Wesen beeinflussen,
sobald er das Reich des Phantastischen betritt. Obwohl diese Ebene
der bürgerlichen wesensfremd erscheint, fällt dem Leser immer
stärker auf, daß beide Welten parallel existieren. Personen und
Handlungen scheinen lediglich durch die unterschiedliche Sicht des
Erlebenden, des Erzählers oder gar des Lesers voneinander
abzuweichen. So entspricht dem freundlichen, kauzigen Konrektor
Paulmann der ebenso skurrile Lindhorst. Noch auffälliger ist die
Ähnlichkeit zwischen Veronika und der ebenfalls blauäugigen
Serpentina. Die biedermeierliche Wohnidylle der Paulmanns mit
Klavier, Ofenaufsatz, Kaffeekanne und Punschterrine findet ihre
exotische Entsprechung in der Lindhorstschen Wohnung mit Palmbäumen,
Vögeln und Porphyrtisch.
Ebenso wie die Punschterrine das Zentrum bürgerlicher Gemütlichkeit ist,
wird der schlichte goldne Topf ein magisches geistiges Zentrum. Die Räume und
Flure gewinnen unendliche Dimensionen und Klänge, Düfte umschweben den Besucher.
Während die Paulmannsche Wohnstube nur geringe Bewegung ermöglicht, wirkt bei
Lindhorst das ganze Instrumentarium dynamisch.("aus den azurblauen Wänden
traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume hervor") Der Faszination
der phantastischen Welt vermag sich der Leser kaum zu entziehen, denn Hoffmann
gelingt es, durch Synästhesien eine vielfältige Assoziation des Schönen beim
Leser zu wecken.
Auch die bürgerliche Welt wirkt auf den Leser anheimelnd , wenn auch der
phantastische Erlebnisraum deutlich eingeschränkt ist, da die Assoziation auf
die konkrete Welt bezogen sind. Wie in der bürgerlichen Welt gibt es auch in
der phantastischen Welt eine deutlich negative Seite, in der satanischer Spuk
und die Hexe ihr Verwirrspiel treiben.
3.3 Der Atlantis-MythosAls dritte Ebene taucht der Atlantis Mythos auf. Er ist laut Serpentina und
Lindhorst der Ursprung für die phantastische Welt. Die Erzählung von Atlantis
Entstehung erklärt die Existenz der phantastischen Welt in der bürgerlichen
als die Folge des Sündenfalles des Salamanderfürsten, der sich gegen das Verbot
von Phosphorus mit der Feuerlilie vermählte. Er muß deshalb als königlich sächsischer
Archivarius in Dresden leben und kann nur gerettet werden, wenn sich seine drei
Töchter mit Jünglingen verheiratet haben, die von der bürgerlichen Welt den
Zugang in die phantastische gefunden haben. Das bedeutet, daß es in der trockenen
bürgerlichen Ebene noch mindestens drei Menschen geben muß, die die Erkenntnis
vom "heiligen Einklang aller Wesen" erwerben können.
3.4 Die Welt des fiktiven ErzählersDie Verbindung dieser gegensätzlichen Welten oder Ebenen
gelingt dem auktorialen Erzähler dadurch, daß er ironisch wird.
Durch die Anrede an den Leser durchbricht der fiktive Erzähler die
Grenzen des fiktionalen Raumes, um dessen Phantasie immer stärker in
die Geschichte einzubeziehen.
Anfangs geht er noch sehr vorsichtig vor:" Ich wollte, daß du, günstiger
Leser! am 23.September auf der Reise nach Dresden begriffen wärest." Grammatikalisch
ganz korrekt verwendet er den Konjunktiv des Wunsches und setzt dann eine lange
Geschichte von dieser gewünschten Reise des Lesers und der erhofften Rettung
Veronika Paulmanns im Präteritum, der typischen Erzählzeit fort. Dabei benutzt
er sehr geschickt die Formgleichheit des Konjunktiv II mit dem Indikativ Präteritum.
Aber immerhin schließt er diese lange Passage über die absurde Rettung Veronikas
mit dem Indikativ: "Weder du, günstiger Leser! noch sonst jemand fuhr oder
ging aber am 23.September in der stürmischen, den Hexenkünsten günstigen Nacht
des Weges."
Ähnlich geschickt geht er später vor, indem er den Leser auffordert, die
Empfindungen des sich in einer Flache befinden Anselmus zu teilen. Anfangs äußert
er seinen Zweifel " daß du, günstiger Leser! jemals in einer gläsernen
Flasche verschlossen gewesen sein solltest."Wenig später setzt er ein solches
Erlebnis, wenigstens als Traumhaftes voraus und kann dann direkt auf die gemeinsame
Erfahrung anspielen, indem er Anselmus Zustand wie folgt schildert "du
bist von blendendem Glanze dicht umflossen [...]"
Jetzt bemüht er noch nicht einmal den Konjunktiv des Irrealen,
um dem Leser eine solche Zumutung zu ersparen. Verständlich wird
diese absurde Vorstellung dadurch, daß die Leiden des
armen
Anselmus genau denen gleichen, die man nach exzessivem
Alkoholgenuß verspürt, eine Erfahrung, die manchem Leser vertraut
sein wird.
Der Leser des Textes, der somit nach und nach immer tiefer in die Geschichte
verstrickt wird, wird also fast Teil des Märchens, ähnlich dem Studenten Anselmus,
der eintaucht in eine Welt, die er anfangs nur kopiert. Durch das raffinierte
Überspringen der Erzähler-Leser Grenze wird das prinzipielle Interesse an der
Geschichte geweckt. Wichtiger als Interesse ist aber die Erkenntnis, die dem
"günstigen Leser" nach dem Lesen bewußt wird. Der gesamte Text ist
darauf angelegt, das Vorhandensein einer phantastischen Welt, oder konkreter,
der Poesie, zu zeigen. Sobald der Leser erkennt, daß diese phantastische Welt
so stark ist, daß sie auch gegen einen real existierenden Menschen, nämlich
den Leser Bestand hat, ist das Ziel des Autors erreicht. Der Leser begreift
die Unverzichtbarkeit der Poesie, und was noch viel wichtiger ist, er erkennt
die wirkliche Existenz der Poesie. Nach dieser Erfahrung besteht die Möglichkeit
für den Leser, daß er sich, nach der Lektüre zurück in seiner wirklichen Umgebung
außerhalb des Märchens, mit dem Unterschied zwischen einer bürgerlichen und
einer phantastischen Welt auseinandersetzt, und vielleicht so wie der Student
Anselmus den Schritt zu einem poetischen Leben vollzieht.
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