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Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Der goldne Topf

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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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3. Der Aufbau des Märchens



Der Text ist in zwölf Vigilien (lat. Nachtwachen) aufgeteilt, was sehr einleuchtend ist, da der Autor erklärt, daß er den Text nachts schreibt. Diese zwölf Kapitel umfassen vier verschiedene Ebenen:
  1. Die bürgerliche Welt
  2. Die phantastische Welt
  3. Der Atlantis Mythos
  4. Die Kommunikation zwischen auktorialem Erzähler und seinem Leser

3.1 Die bürgerliche Welt


Die bürgerliche Welt ist die der Paulmanns, Heerbrands und des realen Dresdens mit dem Schwarzen Tor, der Elbe, dem Linkischen Bade, der Schloßgasse, dem Pirnaer Tor und der Kreuzkirche. Sie besteht aus zwei Komponenten.
Auf der einen Seite befindet sich die behäbige Idylle mit Feuerwerken, Punschabenden und Doppelbier im Linkischen Bade, auf der anderen aber die Seite der erschreckenden formalistischen Pünktlichkeit, der Wichtigkeit von Titeln, dem materiellen Denken, der spießigen Enge.
Während Anselmus anfangs noch von dem Paradies im bürgerlichen Milieu bei Sanitätsknaster, Bier und jungen Mädchen träumt, bemerkt er doch, daß er in dieser Welt nicht Zuhause ist. Alle vermeintliche Weitläufigkeit fehlt ihm, so daß er in seiner Ungeschicklichkeit den Zugang in diese Idylle nicht findet.
Die andere Seite der bürgerlichen Welt, die von materiellen und bildungsmäßigem Besitzstand gekennzeichnet ist, scheint ihm ebenso verschlossen, denn bereits der bescheidenste Eintrittsversuch, als er sich um eine Stelle bewerben möchte, scheitert an einem abgebissenen Zöpfchen seiner Perücke.
Beide Seiten sind eng miteinander verbunden. Solange nämlich der Protagonist Anselmus gegen die Regeln der bürgerlichen Konventionen verstößt, wird er von seinen Freunden abgelehnt. Erst als er mit wachsender Gewandtheit Aussichten auf einen Titel erlaubt, gewinnt ihn der Konrektor "wieder lieb"

3.2 Die phantastische Welt


Die phantastische Welt, die wie ein Spiegelbild des bürgerlichen Lebens erscheint, beruht allerdings auf anderen Werten. Auch wenn der Archivarius Lindhorst Anselmus mit einem Speziesthaler belohnt verliert diese materielle Entlohnung für Anselmus an Bedeutung. Dagegen ist er fasziniert von den Farben, Düften und Klängen in Lindhorsts Garten, die sein ganzes Wesen beeinflussen, sobald er das Reich des Phantastischen betritt. Obwohl diese Ebene der bürgerlichen wesensfremd erscheint, fällt dem Leser immer stärker auf, daß beide Welten parallel existieren. Personen und Handlungen scheinen lediglich durch die unterschiedliche Sicht des Erlebenden, des Erzählers oder gar des Lesers voneinander abzuweichen. So entspricht dem freundlichen, kauzigen Konrektor Paulmann der ebenso skurrile Lindhorst. Noch auffälliger ist die Ähnlichkeit zwischen Veronika und der ebenfalls blauäugigen Serpentina. Die biedermeierliche Wohnidylle der Paulmanns mit Klavier, Ofenaufsatz, Kaffeekanne und Punschterrine findet ihre exotische Entsprechung in der Lindhorstschen Wohnung mit Palmbäumen, Vögeln und Porphyrtisch.
Ebenso wie die Punschterrine das Zentrum bürgerlicher Gemütlichkeit ist, wird der schlichte goldne Topf ein magisches geistiges Zentrum. Die Räume und Flure gewinnen unendliche Dimensionen und Klänge, Düfte umschweben den Besucher. Während die Paulmannsche Wohnstube nur geringe Bewegung ermöglicht, wirkt bei Lindhorst das ganze Instrumentarium dynamisch.("aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume hervor") Der Faszination der phantastischen Welt vermag sich der Leser kaum zu entziehen, denn Hoffmann gelingt es, durch Synästhesien eine vielfältige Assoziation des Schönen beim Leser zu wecken.
Auch die bürgerliche Welt wirkt auf den Leser anheimelnd , wenn auch der phantastische Erlebnisraum deutlich eingeschränkt ist, da die Assoziation auf die konkrete Welt bezogen sind. Wie in der bürgerlichen Welt gibt es auch in der phantastischen Welt eine deutlich negative Seite, in der satanischer Spuk und die Hexe ihr Verwirrspiel treiben.

3.3 Der Atlantis-Mythos


Als dritte Ebene taucht der Atlantis Mythos auf. Er ist laut Serpentina und Lindhorst der Ursprung für die phantastische Welt. Die Erzählung von Atlantis‘ Entstehung erklärt die Existenz der phantastischen Welt in der bürgerlichen als die Folge des Sündenfalles des Salamanderfürsten, der sich gegen das Verbot von Phosphorus mit der Feuerlilie vermählte. Er muß deshalb als königlich sächsischer Archivarius in Dresden leben und kann nur gerettet werden, wenn sich seine drei Töchter mit Jünglingen verheiratet haben, die von der bürgerlichen Welt den Zugang in die phantastische gefunden haben. Das bedeutet, daß es in der trockenen bürgerlichen Ebene noch mindestens drei Menschen geben muß, die die Erkenntnis vom "heiligen Einklang aller Wesen" erwerben können.

3.4 Die Welt des fiktiven Erzählers


Die Verbindung dieser gegensätzlichen Welten oder Ebenen gelingt dem auktorialen Erzähler dadurch, daß er ironisch wird. Durch die Anrede an den Leser durchbricht der fiktive Erzähler die Grenzen des fiktionalen Raumes, um dessen Phantasie immer stärker in die Geschichte einzubeziehen.
Anfangs geht er noch sehr vorsichtig vor:" Ich wollte, daß du, günstiger Leser! am 23.September auf der Reise nach Dresden begriffen wärest." Grammatikalisch ganz korrekt verwendet er den Konjunktiv des Wunsches und setzt dann eine lange Geschichte von dieser gewünschten Reise des Lesers und der erhofften Rettung Veronika Paulmanns im Präteritum, der typischen Erzählzeit fort. Dabei benutzt er sehr geschickt die Formgleichheit des Konjunktiv II mit dem Indikativ Präteritum. Aber immerhin schließt er diese lange Passage über die absurde Rettung Veronikas mit dem Indikativ: "Weder du, günstiger Leser! noch sonst jemand fuhr oder ging aber am 23.September in der stürmischen, den Hexenkünsten günstigen Nacht des Weges."
Ähnlich geschickt geht er später vor, indem er den Leser auffordert, die Empfindungen des sich in einer Flache befinden Anselmus zu teilen. Anfangs äußert er seinen Zweifel " daß du, günstiger Leser! jemals in einer gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest."Wenig später setzt er ein solches Erlebnis, wenigstens als Traumhaftes voraus und kann dann direkt auf die gemeinsame Erfahrung anspielen, indem er Anselmus‘ Zustand wie folgt schildert "du bist von blendendem Glanze dicht umflossen [...]"
Jetzt bemüht er noch nicht einmal den Konjunktiv des Irrealen, um dem Leser eine solche Zumutung zu ersparen. Verständlich wird diese absurde Vorstellung dadurch, daß die Leiden des armen
Anselmus genau denen gleichen, die man nach exzessivem Alkoholgenuß verspürt, eine Erfahrung, die manchem Leser vertraut sein wird.
Der Leser des Textes, der somit nach und nach immer tiefer in die Geschichte verstrickt wird, wird also fast Teil des Märchens, ähnlich dem Studenten Anselmus, der eintaucht in eine Welt, die er anfangs nur kopiert. Durch das raffinierte Überspringen der Erzähler-Leser Grenze wird das prinzipielle Interesse an der Geschichte geweckt. Wichtiger als Interesse ist aber die Erkenntnis, die dem "günstigen Leser" nach dem Lesen bewußt wird. Der gesamte Text ist darauf angelegt, das Vorhandensein einer phantastischen Welt, oder konkreter, der Poesie, zu zeigen. Sobald der Leser erkennt, daß diese phantastische Welt so stark ist, daß sie auch gegen einen real existierenden Menschen, nämlich den Leser Bestand hat, ist das Ziel des Autors erreicht. Der Leser begreift die Unverzichtbarkeit der Poesie, und was noch viel wichtiger ist, er erkennt die wirkliche Existenz der Poesie. Nach dieser Erfahrung besteht die Möglichkeit für den Leser, daß er sich, nach der Lektüre zurück in seiner wirklichen Umgebung außerhalb des Märchens, mit dem Unterschied zwischen einer bürgerlichen und einer phantastischen Welt auseinandersetzt, und vielleicht so wie der Student Anselmus den Schritt zu einem poetischen Leben vollzieht.

 

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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