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5. Der goldne Topf - ein Märchen?Es ist eindeutig, daß der "Goldne Topf" auf den ersten Blick nicht
wie ein klassisches Märchen aussieht. Normalerweise führt schon die Einleitung
den Leser oder Zuhörer in eine unbestimmte, vergangene Zeit des "Es war
einmal..." und die fiktive Umgebung eines dunklen Waldes oder prächtigen
Schlosses.
5.1 Die "neue Zeit" im MärchenE.T.A. Hoffmann hingegen setzt sein "Märchen aus der neuen
Zeit" in das konkrete Dresden um 1810. Genau beschreibt der Text dem
Zeitgenossen vertraute Orte wie die Pirnaer Vorstadt, die Elbbrücke
oder das Schwarze Tor.
Auch die Zeitangaben sind exakt. Die Handlung beginnt am Himmelfahrtstag
und endet an Veronikas Namenstag, dem 4.Februar, Glockenschlag zwölf Uhr mittags.
5.2 Die märchenhaften AttributeIn diese erfahrbare Wirklichkeit des zeitgenössischen Leser setzt Hoffmann
eine märchenhafte, phantastische Geschichte, die, märchengerecht, von Hexen,
Zauberern und Atlantis handelt. Sie beginnt in einer grauen Vorzeit und setzt
sich in die Zukunft fort, bis zwei weitere Jünglinge gefunden sind, die wie
Anselmus Serpentina, Serpentinas Schwestern gewinnen, um dadurch den Archivarius
Lindhorst aus seiner bürgerlichen Existenz zu erlösen.
5.3 Der ErlösungsgedankeHier wird ebenfalls ein märchentypisches Thema, das der
Erlösung eines Verwunschenen, aufgegriffen. Anders als im
klassischen Märchen ist hier der Verwunschene nicht in ein Tier
verwandelt, wie z.B. der Froschkönig, oder der Bär aus
Schneeweißchen und Rosenrot. Hoffmann entfernt sich deutlich vom
üblichen Schema, indem er als wahre Identität des Archivarius einen
Salamanderfürsten nennt. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu deuten:
einerseits könnte dies ein pfiffiger Effekt sein, andererseits aber
auch ein Hinweis darauf, daß die Atlantiswelt, die Welt der
Phantasie und Poesie, die eigentliche ist, und die bürgerliche Welt
in Dresden bei Punschterrinen und Klavierabenden die böse
Verzauberung bedeutet, aus der es die Befreiung zu erreichen gilt.
Untersucht man Anselmus Werdegang, bestätigt sich diese
Vermutung.
Der ungeschickte Student, wird von den Zwängen einer bürgerlichen Welt erlöst,
die ihn partout in eine hohe Stellung, die eines Hofrates drängen will. Doch
Anselmus wird nicht als Hofrat um Veronika werben, indem er ihr ein Paar Ohrringe
schenkt, sondern er geht nach Atlantis, um dort Dichter zu werden. Das bedeutet
nichts anderes, als daß Anselmus seine poetische Identität gewinnt, obwohl Schauerliches
dieses zu verhindern versucht.
5.4 Das SchauerlicheAuch das Schauerliche, in Form der Rauerin, ist Bestandteil des
Märchens.
In Hoffmanns Märchen gibt es viele traditionelle Schauermotive
wie Kobolde, destruktive Ratten und eine Äquinoktialnacht. Aber im
Vergleich zum eigentlich Schaurigen ist dies nur
Stückwerk.
In einem Aufsatz von Franz Fühmann wird dies überzeugend ausgeführt. Das
wirklich Erschreckende ist, daß Veronika unter dem Vorwand der Liebe die Identitätsfindung
Anselmus mit allen Mitteln verhindern will. Sie möchte in jedem Fall einen
Aufstieg zur Hofrätin und versucht deshalb auf jede Weise, Anselmus von seiner
Erlösung fernzuhalten. Das Schaurigste ist, daß sie die wahre Bestimmung von
Anselmus genau erfaßt hat und trotzdem aus besitzergreifender "Liebe"
ihn in die Enge eines hofrätlichen Daseins zwingt.
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